Kahlschlag oder Strukturproblem? Warum die Spardebatte in der Kinder- und Jugendhilfe an der eigentlichen Frage vorbeigeht

14. Mai 2026

Mitte April hat der Paritätische Gesamtverband ein internes Arbeitspapier (Link zum Papier) veröffentlicht, das seit Dezember 2025 hinter verschlossenen Türen zwischen Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden verhandelt wird. 108 Seiten, 51 Vorschläge, ein beziffertes Kürzungsvolumen von mindestens 8,6 Milliarden Euro — wobei knapp zwei Drittel der Vorschläge nicht einmal mit Zahlen hinterlegt sind. Der Titel: „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen". Der Paritätische nennt es einen drohenden Kahlschlag im Sozialen. Beide Seiten haben Recht. Und beide machen es sich zu einfach.

Die Kosten sind real

Wer in der Kommunalverwaltung arbeitet oder Verantwortung für soziale Einrichtungen trägt, kennt die Zahlen. Die Ausgaben in der Kinder- und Jugendhilfe ohne Kindertagesbetreuung sind zwischen 2010 und 2024 nominal um 138 Prozent gestiegen, preisbereinigt um 69 Prozent. Schulbegleitungen wachsen jährlich um durchschnittlich 13 Prozent. Die Eingliederungshilfe für Teilhabe an Bildung hat sich zwischen 2020 und 2024 fast verdoppelt. Für viele Kommunen sind diese Ausgaben der größte Einzelposten im Sozialhaushalt, und sie wachsen schneller als die Einnahmen. Wer das ignoriert oder als neoliberale Sparrhetorik abtut, hat die Lage nicht verstanden.

Aber die Diagnose ist falsch

Das Problem des Vorschlagsbuchs ist nicht, dass es Kosten senken will. Das Problem ist, dass es den Aufwuchs behandelt, als wäre er ein Systemfehler und nicht die Folge politischer Entscheidungen, die im Kern richtig waren. Mehr Inklusion, besserer Kinderschutz, stärkere Hilfen für Care Leaver, Personenzentrierung in der Eingliederungshilfe, die Aufnahme geflüchteter Kinder: Das waren bewusste gesellschaftliche Weichenstellungen. Was nie stattgefunden hat, ist die ehrliche Gegenrechnung. Kein Bundesgesetz, das den Kommunen neue Aufgaben zugewiesen hat, kam mit einer belastbaren Finanzierungszusage. Das Konnexitätsprinzip — wer bestellt, bezahlt — wird seit Jahren systematisch umgangen.

Die teuersten Fehler sind die, die man nicht sieht

Was mich an dem Papier am meisten stört, ist das vollständige Fehlen jeder Folgenabschätzung. Kein einziger der 51 Vorschläge fragt, was passiert, wenn man ihn umsetzt. Der größte Einzelposten — die Streichung des Rechtsanspruchs auf Schulbegleitung — soll 3 Milliarden Euro bringen. Dieses Geld ist aber nur dann eingespart, wenn die Kinder, die heute auf Unterstützung angewiesen sind, plötzlich ohne zurechtkommen. Tun sie aber nicht. Wer Schulbegleitung streicht, ohne die Schulen entsprechend auszustatten, verlagert die Kosten in die Förderschule, in die stationäre Jugendhilfe oder in die Eingliederungshilfe im Erwachsenenalter. Die 3 Milliarden tauchen dann nicht mehr im selben Haushaltstitel auf, aber sie sind nicht weg. Dasselbe bei den Hilfen für junge Erwachsene: Eine Milliarde Euro soll die Rücknahme des §41a SGB VIII bringen. Gleichzeitig hat sich die Zahl wohnungsloser Minderjähriger zwischen 2022 und 2025 fast verdreifacht. Wer junge Menschen mit 18 aus dem System entlässt, produziert Wohnungslosigkeit, Sucht, psychische Erkrankungen. Das sind Kosten, die dann nicht mehr die Jugendhilfe trägt, sondern die Wohnungslosenhilfe, die Psychiatrie, das Jobcenter, die Justiz. Es ist eine Einsparung im Haushalt und eine Kostenverlagerung in der Wirklichkeit.

Was wirklich schiefläuft

Das Strukturproblem liegt nicht in zu großzügigen Leistungen, sondern darin, wie das System finanziert und gesteuert wird. Die Eingliederungshilfe finanziert heute zu großen Teilen das, was Aufgabe der Bildungspolitik wäre. Denn Schulen sind schlicht nicht so ausgestattet, dass sie Inklusion ohne individuelle Begleitung tragen könnten. Die Kinder- und Jugendhilfe wird im Einzelfall gesteuert, obwohl die Ursachen strukturell sind: (drohende) Armut, fehlender Wohnraum, mangelnde psychiatrische Versorgung, unterfinanzierte Prävention. Einzelfallhilfen sind teuer, weil sie Symptome behandeln. Wer sie kürzt, ohne an die Ursachen zu gehen, spart nicht sondern verschiebt.

Wer die Kosten ernsthaft dämpfen will, muss an die Finanzarchitektur: Der Bund muss die Kosten der Gesetze tragen, die er erlässt.

Er muss an die Systemgrenzen: Schulbegleitung ist kein Problem der Eingliederungshilfe, Wohnungslosigkeit junger Erwachsener keins der Jugendhilfe.

Und er muss an die Steuerung: Mehr Prävention und Infrastruktur statt Einzelfallhilfen ist im Grundsatz richtig. Aber Infrastruktur muss existieren, bevor man die Einzelfallhilfen zurückfährt. Im Vorschlagsbuch ist diese Reihenfolge verkehrt herum.

Kein Spardiktat, aber auch kein Weiter-so

Das Vorschlagsbuch ist kein Reformpapier. Es ist ein Katalog von Streichposten, zusammengestellt unter Sparzwang, ohne Folgenabschätzung und ohne Gesamtkonzept. Die Kostenentwicklung, die es beschreibt, ist real und verlangt nach Antworten. Aber die Antworten, die es liefert, lösen das Problem nicht sondern verschieben es. Wer wirklich sparen will, muss investieren: in Schulen, die Inklusion tragen können, in psychiatrische Versorgung, in Wohnraum, in Prävention. Das ist teurer auf der ersten Seite des Haushaltsplans. Aber deutlich wirtschaftlicher auf der letzten.

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